Das Textarten-Glossar als gemeinsamer Orientierungspunkt für individuelles UND institutionelles Literacy Management

Was tun, wenn man in der Schreibberatung feststellt, dass es zu bestimmten Textsorten (z.B. Abstract, Essay, Portfolio) unterschiedliche Vorstellungen unter den Lehrenden gibt? Was im Einzelfall erst einmal kein Problem ist (es gilt, was im Schreibauftrag steht bzw. was die jeweilige Lehrkraft dazu auf Nachfrage erklärt), das kann durchaus problematisch für die Schreibentwicklung der Studierenden und hier vor allem für die Ausprägung von Schreibroutinen werden. Noch kritischer ist die oftmals deutlich werdende fehlende Übereinstimmung zwischen angestrebter fachlicher Kompetenz (z.B. die Fähigkeit, professionelles Handeln zu reflektieren) und der fragwürdigen Ansage im Schreibauftrag für ein Portfolio, das Handeln zu dokumentieren und festzuhalten, wie es einem dabei ergangen sei. Was bei einer solchen ungenauen Aufgabenstellung oft herauskommt, sind dürre Verlaufsschilderungen und pauschale Einschätzungen zur Verlaufsqualität. Von echter reflexiver Praxis, die im späteren Berufsfeld essenziell ist, keine Spur.

Mit anderen Worten: ungenaue Angaben zu Textarten in einem Schreibauftrag können die curricularen Zielsetzungen einer ganzen Institution torpedieren. Hinzu kommt, dass durch ungenaue Vorstellungen zu oftmals komplexen Textsorten auch kein zielgenaues Aufgabendesign zu erwarten ist: Wenn nicht klar ist, welche rhetorischen Teilhandlungen in einer Textsorte stecken (z.B. beim Portfolio: Dokumentieren, Analysieren, Evaluieren, Planen), dann kann auf diese Kompolexität auch nicht gut durch diverse Teilaufgaben (scaffolding) reagiert werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Institutionen bzw. größere Struktureinheiten, in denen viel geschrieben wird und bei denen das Schreiben als Schlüssel zum Erfolg angelegt ist (z.B. durch Modularbeiten, Prüfungsportfolios, Klausuren, Studienabschlussarbeiten) sollten sich dringend über deren Textsorten-Verständnis austauschen und dieses als kleinsten gemeinsamen Nenner von durchaus legitimen Nuancierungen in den Fächern festhalten. Eine solche Festschreibung in der Prüfungsordnung, wie oft zu sehen, genügt allerdings nicht. Prüfungsordnungen sind justiziable Texte, die außerdem aus guten Gründen nicht dauernd verändert werden können. Das Aushandeln von Textsortenverständnis aber braucht Zeit. Außerdem können sich die Funktionalitäten von Textsorten recht drastisch verändern, vor allem im Übergang von papierbasierten zu digitalen Formaten (z.B. e-Portfolio). Es braucht also ein Tool, mit dem man diese Diskussion als Institution im wahrsten Sinne des Wortes fortschreiben kann und an dessen Output sich gleichzeitig Lehrende und Studierende beim Aufgabendesign und dem Bearbeiten von Aufgaben orientieren können.

Ein solches Tool könnte das so genannte Textarten-Glossar zu sein, das z.Zt. durch das Schreibzentrum der FHWien (Österreich) entwickelt wird. Ich hatte bereits mehrfach Gelegenheit, die Arbeit dieser Einrichtung zu erleben und freue mich, nun auch dieses Projekt begleiten zu dürfen. In einem ersten Schritt werden aktuell an der Hochschule praktizierte Textsorten und die individuellen Vorstellungen der Studierenden und Lehrenden dazu erfasst. In dieser Inventarisierung werden auch die geläufigsten hochschuldidaktischen Inszenierungen dieser Textsorten erfasst. Dabei wird funktional unterschieden zwischen “Zieltext” (z.B. als Leistungsnachweis) auf der einen Seite und “Transfertext” (mit Adressatenbezug, z.B. Poster) und “Hilfstext” (ohne Adressatenbezug, z.B. Lektürezusammenfassung) auf der anderen Seite.

Idealerweise tragen Hilfs- und Transfertexte mittel- oder längerfristig zur Entstehung kompexer Zieltexte (z.B. Modul- oder Hausarbeit) bei. Das Ideal besteht hier in der “scaffolding”-Funktion von Hilfs- und Transfertexten, die nur dann zum Tragen kommt, wenn die zusätzlichen Schreibaufgaben auch tatsächlich Kompetenzen praktizieren (z.B. das Zusammenfassen von Gelesenem, um es argumentativ in größere Sinnzusammenhänge einzubinden), welche für den Zieltext dringend benötigt werden. Deshalb sollte also auch über die so genannten “kleinen Textsorten” des Studierens eine genaue Vorstellung zu deren rhetorischen Funktionen existieren, um sie im Aufgabendesign letztlich sinnvoll in Szene zu setzen.

Spannende Arbeit steht dem Schreibzentrum der FHW bevor. Ich werde an dieser Stelle sicherlich wieder davon berichten …

About literacymanagement

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